Das Geheimnis im Beruf

Wer hat in seinem Beruf eigentlich am meisten mit Geheimnissen zu tun? Die Geheimdienstmitarbeiterin? Der Pfarrer? Oder die Sekretärin? Tatsächlich ist kaum ein Ort so umfassend in alle Geheimnisse einer Firma eingebunden wie das Sekretariat: Geschäftsabschlüsse, Entlassungen, Firmenbilanzen aber auch private Geheimnisse aller Art wandern über die Schreibtische von Sekretärinnen und Sekretären. Petra Balzer, ehemalige Sekretärin im Top-Management, hat mit uns hinter verschlossene Bürotüren geblickt.

Petra Balzer: Autorin, Coach, ehemalige Sekretärin

Die zertifzierte Europasekretärin lebt in Hamburg und arbeitet als Coach für Führungs- und Assistenzkräfte. Neben dieser Tätigkeit ist sie auch als Autorin aktiv und veröffentlichte bereits mehrere Romane und Sachbücher. Zuvor arbeitete sie 25 Jahre lang als Sekretärin in verschiedenen Vorstandsetagen.

Ihr zu dieser Zeit erschienenes Erstlingswerk „Und morgen bringe ich ihn um!: Als Chefsekretärin im Top-Management“ veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Katharina Münk, dem Namen ihrer Großmutter. Das Buch sorgte wegen der geheimen Identität der Autorin und des Blicks hinter ansonsten verschlossene Türen für viel Wirbel in Presse und Vorstandszimmern.

Geheimnisse zwischen Bar und Büro
Jeder Betrieb hat Geheimnisse, fast jeder Arbeitsvertrag enthält eine Verschwiegenheitsklausel. Es gibt geheimnisvolle Berufe, in denen Menschen explizit mit der Offenlegung oder dem Schutz von Geheimnissen betraut werden. Und es gibt eine Reihe ganz gewöhnlicher Berufe, in denen Geheimnisse eine große Rolle spielen. So werden über eine halbe Million Berufstätige in Deutschland Tag für Tag ganz nebenbei zu Mitwissern und Geheimnisträgerinnen: während sie Haare schneiden, Getränke ausschenken oder Taxi fahren.

Warum tauschen wir gerade in der Gegenwart von Barkeeperinnen, Frisören oder Taxifahrerinnen so viel Vertrauliches aus Privat- und Berufsleben aus? Liegt es an der räumlichen Situation, an der oft so heimeligen Atmosphäre oder am Gefühl, dass man den Taxifahrer nie wiedersehen wird? Die vielen kleinen und großen Geheimnisse, die in Bars, Frisörsalons und Taxis kursieren, haben jedenfalls eines gemeinsam: Sie gehen von Mund zu Ohr, werden nur ausgesprochen und sind damit – irgendwie – flüchtig.

Etwas anders verhält es sich im Sekretariat. Auch hier werden täglich eine halbe Million Menschen zu Mitwisserinnen und Geheimnisträgern. Doch es geschieht nicht nebenbei, im neutralen, vergänglichen Raum. Es ist die eigentliche Aufgabe eines Sekretariats, Geheimnisse diskret zu wahren und zu dokumentieren. Sensible Informationen wie Firmenbilanzen, Personalentscheidungen, Mitschriften aus Firmenmeetings werden von Sekretärinnen und Sekretären verschriftlicht, gelesen, überarbeitet und abgelegt. „Wir schaffen Beweismittel und wissen nachher auch, wo diese Informationen liegen”, so Petra Balzer im Interview. Diskretion und Loyalität gehören daher zum Jobprofil und diese Kompetenzen werden im Top-Management auch mitbezahlt.

„Wer ein Geheimnis bewahren will, der muss es auch vor sich selbst verbergen.“ George Orwell
 
Dem Künstler Frank Warren teilten über
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Menschen ihre Geheimnisse auf anonymen Postkarten mit.
Dein Geheimnis, mein Geheimnis
„Pottwal und Putzerlippfischchen“ – so zugespitzt beschreibt Petra Balzer die Beziehung zwischen Vorgesetztem und Sekretärin. Extreme – auch räumliche – Nähe bei gleichzeitig völlig unterschiedlichem Status. Hier immer die richtige Mischung aus Vertraulichkeit und Distanz zu wahren, ist eine der größten Herausforderungen des Berufs. Und auch den erfahrensten Sekretärinnen und Sekretären gelingt es nicht immer, die Grenze zwischen beruflichen und privaten Vertraulichkeiten zu wahren. Schnell wird die Sekretärin zur Mitwisserin von Blutfettwerten und anderen medizinischen Details, kennt der Sekretär den Punktestand in Flensburg oder wird mit familiären Problemen von Vorgesetztem oder Chefin konfrontiert. Eine Nähe, die das Gegenüber auch schnell entzaubert, wie Petra Balzer betont.
Doch dieses – einseitig – enge Vertrauensverhältnis zwischen Chef und Sekretärin, das Petra Balzer beschreibt, stirbt wohl aus. Es entwickelte sich in der klassischen 2er Kombination, die mittlerweile fast nur noch im Top-Management anzutreffen ist. Heute sind die meisten Sekretäre und Sekretärinnen für ganze Teams zuständig, arbeiten mehr sach- und weniger personenorientiert. „Der Stellenwert von Geheimnissen und Loyalität ist längst nicht mehr so ausgeprägt, wie er vor 20 Jahren mal war.“, so das Fazit von Petra Balzer.

„Der Schutz der Quelle steht für mich an erster Stelle.“



David Schraven
Investigativ-Journalist

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