Das Geheimnis in der Familie

Unsere ersten Geheimnisse entstehen in der Familie und helfen uns bei der Abgrenzung von Eltern und Geschwistern. Das Geheimversteck im Garten, die verschlossene Badtür oder das extra gesicherte Tagebuch sind wichtige Schritte in unserer Persönlichkeitsentwicklung. Zugleich sind Familien ein Hort für dunkle Geheimnisse. Die Autorin Ines Geipel ist in einer Stadt voller Stasifunktionäre und anderen Geheimnissen geboren, in der „Verratsgesellschaft“ DDR aufgewachsen und hat sich nach dem Mauerfall der Offenlegung von gesellschaftlichen und privaten Geheimnissen verschrieben. Wir haben mit ihr u. a. darüber gesprochen, wie stark familiäre und gesellschaftliche Geheimnisse miteinander verwoben sind.

Prof. Ines Geipel, Autorin

Die 1960 in Dresden geborene Schriftstellerin wohnt heute in Berlin und lehrt dort an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch”.

Seit dem Mauerfall hat sich die Literaturwissenschaftlerin und ehemalige DDR-Leistungssportlerin Ines Geipel um die Aufdeckung verschiedener privater und gesellschaftlicher Geheimnisse verdient gemacht. Sie sammelt und erforscht „verschwiegene Literatur“ und war an der Aufklärung des DDR-Doping-Systems beteiligt. Darüber hinaus entdeckte sie, dass ihr Vater als West-Agent für die Stasi im Einsatz war. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie u. a. in den Werken „Heimspiel“ und „Generation Mauer“.

Gute Geheimnisse, schlechte Geheimnisse
Geheimnisse gehören zum Alltag einer jeden Familie: Die Eltern schweigen beharrlich zur eigenen Hippie-Vergangenheit, während der Nachwuchs den persönlichen Süßigkeitenvorrat im Geheimfach des Schreibtischs verwahrt oder heimlich am Fenster raucht. Allerdings schaffen Geheimnisse nicht nur innerhalb der Familie persönliche Bereiche, in denen Eigensinn und Individualität ausgebildet und gelebt werden können. Auch nach außen grenzt sich der Familienverbund auf diese Weise von seiner Umwelt ab. Egal ob Omas geheimes Apfelkuchenrezept oder Vaters nur im Familienkreis vorgetragene Gutenachtgeschichten – zusammen formen diese positiven, harmlosen Familiengeheimnisse eine Identität und fördern den Familienzusammenhalt.

Durch die enge – auch räumliche – Nähe und die besonderen Abhängigkeiten, die in Familien bestehen, können jedoch auch dunkle Familiengeheimnisse entstehen. 14.000 Kinder werden in Deutschland zum Beispiel jährlich zu Opfern von sexuellem Missbrauch – die Dunkelziffer liegt weit höher. In den meisten Fällen geschehen die Taten im direkten familiären Umfeld und bleiben oft über Jahre unentdeckt. Vertrauenspersonen machen sich hier die Unmündigkeit ihrer Opfer zu Nutze, halten die Geschädigten dazu an, das gemeinsame „Geheimnis“ mit niemandem zu teilen. Die offene Auseinandersetzung mit solchen Familiengeheimnissen erfordert viel Kraft, die Überwindung von Schamgefühlen und den Bruch mit engsten Bezugspersonen.

Aber auch andere dunkle Geheimnisse können Familien über Generationen hinweg prägen und schädigen, wie das Gespräch mit der Autorin und ehemaligen DDR-Leistungssportlerin Ines Geipel zeigt. Sie hat sich in den letzten Jahren – ausgehend von der Aufdeckung des DDR-Dopingssystems – intensiv mit Geheimnissen in ihrer Vergangenheit beschäftigt und entdeckt „dass hinter jedem Geheimnis immer noch ein nächstes Geheimnis verborgen ist“.

„Die Jugend ist in dem Augenblick vorbei, in dem das Geheimnis unseres Lebens definiert wird.“ Georg Simmel
 
Nach der deutschen Wiedervereinigung konnten rund
0 Km
Aktenmaterial des Minsteriums für Staatssicherheit sichergestellt werden.
Ein Geheimnis-Rhizom durchzieht Deutschland
Die Vergangenheit Deutschlands ist geprägt von zwei Diktaturen, die gleichermaßen auf Geheimhaltung und Geheimnisverrat basierten. In vielen Familien gab und gibt es Angehörige, die diese Diktaturen erlebt und auf verschiedene Weise aktiv mitgestaltet haben. Über die genaue Beteiligung, konkrete Folgen und damit eine Mit-Verantwortung an NS-, SED- oder Stasi-Verbrechen herrscht in vielen Familien noch immer Schweigen. Die Wucherungen dieser Familiengeheimnisse sind nicht zu trennen von anderen gesellschaftlichen Geheimnissen, sind miteinander verwoben „wie ein Rhizom“, so Ines Geipel. Das alles macht eine Betrachtung von familiären Geheimnissen auch aus gesellschaftlicher Perspektive unerlässlich.

Die Offenlegung ihres eigenen Geheimnis-Rhizoms begann bei Ines Geipel erst in den frühen 1990er Jahren. Spät entdeckte sie, dass ihr Vater West-Agent der Stasi und ihr Großvater mütterlicherseits ein NS-Funktionär war. Dabei hatte sie das eigene Zuhause schon als Kind als einen „Geheimnishort“ wahrgenommen, der sich mehr und mehr zu einer Belastung entwickelte. Heute spricht sie von einer „verstörenden“ Lebensphase, geprägt von einem „Maximum an Tabu“.

Das Schweigen, die mit dem Beruf des Vaters einhergehenden Verstellungen und die von Ines Geipel als „Ausschluss aus der Familienkrypta“ empfundene Anmeldung an einem staatlichen Elite-Internat hatten weitreichende Folgen. Rückblickend kommt sie zu dem Schluss, dass sie zu einem „Hort der Geheimnisse der Anderen“ wurde und „nicht mehr zum eigenen Leben kam“. Erst die offene Auseinandersetzung mit dem familiären Geheimnisknoten – auch in Form literarischer Verarbeitungen – half ihr dabei, ihr „richtiges“ Leben zu gestalten.

„Professionelle Standards regeln den Umgang mit Geheimnissen.“

„Ich hatte ein Gefühl dafür, was ich besser für mich behalte.“



Petra Balzer
Autorin, Coach, ehem. Sekretärin

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Konstantin von Notz
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