Das Geheimnis in der Forschung

Psychologie, Kommunikationswissenschaften, Theologie: Verschiedenste Disziplinen befassen sich mit der Erforschung des Geheimnisses, seiner Form, Funktion und Bedeutung. Zugleich erschaffen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ihrer Forschung eigene, neue Geheimnisse. Wir haben den Historiker Frank Bösch getroffen, der in einem Haus voller Geheimnisse arbeitet und bei der Untersuchung von vergangenen Mysterien immer wieder auf aktuelle Geheimnisse stößt.

Prof. Dr. Frank Bösch, Historiker

Der 1969 in Lübeck geborene Zeithistoriker ist seit 2011 Direktor am renommierten Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Im Rahmen seiner Forschung zur Medien- und politischen Sozialgeschichte hat er u. a. „Öffentliche Geheimnisse” und die verborgenen Seiten der „Adenauer-CDU“ ergründet.

Seit 2015 ist er leitend mit der Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte des Bundesinnenministeriums (BRD) und des Ministerium des Innern (DDR) beauftragt. Erste Ergebnisse sind hier online abrufbar.

Ein Haus voller Geheimnisse
Das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam liegt idyllisch im historischen Stadtzentrum Potsdams. Hier wurde ein König geboren, fanden Konzerte und Bälle statt, erlernten preußische Ingenieure den Festungsbau und wurden in der Belagerungskunst unterwiesen. Hier treffen wir den Historiker Frank Bösch.

Schon der Schaukasten im Eingangsbereich, der Publikationen aus dem Forschungszentrum zeigt, steckt voller Geheimnisse: „Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser“ steht neben einem schmalen Band mit „DDR-Witzen aus den Geheimakten des BND“. Kein Zufall, wie Frank Bösch im Gespräch deutlich macht. Denn Historikerinnen und Historiker werden ständig mit früheren Geheimnissen konfrontiert, erforschen die sozialen und politischen Funktionen von Geheimnissen, Techniken der Ver- und Entschlüsselung und kommen dabei auch aktuellen Geheimnissen auf die Spur.

Eine Gesellschaft ohne Geheimnis hält Bösch für eine Illusion: „Geheimnisse suchen sich immer wieder neue Wege. Das Geheimnis wird niemals aufgefressen.“ Dahinter steckt ein auf den ersten Blick paradoxer Zusammenhang: Historisch gesehen schuf das Entstehen einer größeren Öffentlichkeit immer auch neue Räume für das Vertrauliche. „Erst in dem Moment, in dem wir etwas wissen, wächst die Lust am Geheimen“, schließt Bösch aus seinen Forschungen zum Zusammenspiel von Skandalen, Politik und Medien im 19. und 20. Jahrhundert.

„Wer Geheimnisse verwaltet, kann fordern, drohen, erpressen oder Angriffen von Gegnern zuvorkommen.“ Wolfram Aichinger
 
Im Bonner Bundesinnenministerium waren bis zu
0 %
der Angestellten ehemalige Mitglieder der NSDAP.
Keine Skandale initiieren?
Bösch interessiert sich weniger für die individuelle Last von Geheimnissen. Wenn er in seiner Studie „Öffentliche Geheimnisse“ über die lang verborgene Homosexualität des Industriellen Friedrich Albrecht Krupp schreibt, geht es ihm vielmehr um die gesellschaftliche Funktion von Geheimnissen und die Folgen der Aufdeckung. Zugleich leisten Historiker wie Frank Bösch selbst Aufdeckungsarbeit und treffen dabei nicht selten folgenreiche Entscheidungen. Auch wenn die Forscherinnen und Forscher – laut Bösch – „keine Skandale initiieren“ wollen.

Wenn es darum geht, die Geschichte um ein bisher verborgenes Kapitel zu erweitern, ist also besonderes Fingerspitzengefühl erforderlich. Daneben entscheiden rechtliche Vorgaben wie die Sperrfristen in Archiven und wissenschaftliche Standards über die Wahrung oder Offenlegung früherer Geheimnisse. So kann sämtliches Archivgut i.d.R. erst nach einer Schutzfrist von 30 Jahren eingesehen und veröffentlicht werden.

In manchen Fällen reicht noch nicht einmal dieser Abstand, bergen scheinbar längst vergangene Geheimnissen noch erstaunlich viel Zündstoff. So lenkt ein Forschungsbericht über die flächendeckende Überwachung von Telefonanschlüssen in der Bundesrepublik der 1950er Jahre durch den BND den Blick auf die heutige Debatte rund um die Vorratsdatenspeicherung.

Auch die Studie zur NS-Vergangenheit der Beamtinnen und Beamten im Bonner Bundesinnenministerium und im Ministerium des Inneren (DDR), die derzeit unter der Leitung von Frank Bösch durchgeführt wird, weist in die Gegenwart: Wie gingen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwischen 1949 und 1970 mit ihren individuellen Belastungen um? Inwiefern prägten geheimgehaltene oder offengelegte Nazi-Vergangenheit die Arbeit der Ministerien in Ost und West? Und was wirkt bis heute nach?

„Der Schutz der Quelle steht für mich an erster Stelle.“



David Schraven
Investigativ-Journalist

Mehr zum Geheimnis
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„Ich hatte ein Gefühl dafür, was ich besser für mich behalte.“



Petra Balzer
Autorin, Coach, ehem. Sekretärin

Mehr zum Geheimnis
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„Das staatliche Geheimnis benötigt ein Ablaufdatum.“



Konstantin von Notz
Politiker

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in der Politik...

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