Frage der Woche: Stirbt das Geheimnis aus?

Wenn es nach der Autorin Ines Geipel ginge, wäre ein Leben ohne Geheimnis der Idealzustand. So weit sind wir noch nicht. Aber kommen wir der absoluten Transparenz vielleicht allmählich näher? Stirbt das Geheimnis langsam aus? Antworten von vier Geheimnisexpertinnen und -experten.

„Geheimnisse werden solange nicht aussterben, wie es Menschen gibt. Allerdings werden sie immer seltener.“, beobachtet Petra Balzer, ehemalige Sekretärin und Coach für Führungskräfte. „Im Job kommt man sich zum Beispiel nicht mehr so nah, tauscht weniger Vertrauliches aus, weil man die Vertrauenswürdigkeit per E-Mail oder am Telefon nicht mehr so gut einschätzen kann.“

Etwas anders sieht es Investigativjournalist David Schraven: „Mit den Geheimnissen ist es immer gleich. Wir sind viele Menschen, da gibt es viele Geheimnisse.“ Die Rede vom „Zeitalter der Transparenz“ hält er schlichtweg für „Quatsch“. Auch wenn es laut Schraven eine Tendenz dazu gibt „unsere Handlungsfähigkeit auf ein möglichst großes Wissensterrain zu stellen um damit vernünftiges Handeln zu ermöglichen.“

Hinter solchen Tendenzen vermutet Ines Geipel – ehemalige DDR-Leistungssportlerin und heute u.a. Vorsitzende der Dopingopfer-Hilfe – „Oberflächenphänomene“:
„Wir haben – was die Aufdeckung und Aufarbeitung von gesamtgesellschaftlich relevanten Geheimnissen angeht – ein gewisses Training, unwahrscheinlich gute Mechanismen, auch die neuen Medien ermöglichen in dieser Hinsicht Vieles. Ich frage mich aber, ob das nicht alles Oberflächenphänomene sind: Was lösen wir im Binnengefüge einer Gesellschaft wirklich auf? Sind wir tatsächlich in einer freieren, aufgeklärten Gesellschaft unterwegs? Oder sind wir nur besonders gut darin trainiert, Transparenz zu behaupten? Wenn man sich zum Beispiel die Depressionsstudie des Sigmund-Freud-Instituts anschaut, hat Deutschland einen auffällig hohen Depressionsmarker. Und zwar deshalb, weil wir immer noch unwahrscheinlich hohe Schuld-Dynamiken und Belastungen in unserer Gesellschaft haben.“

Auch Konstantin von Notz – Abgeordneter im Bundestag und dort u.a. im NSA-Untersuchungsausschuss tätig – stellt die Entwicklung hin zu mehr Transparenz und weniger Geheimnis infrage:
„Wir erleben im Augenblick eine sehr dialektische Bewegung. Es gibt einerseits von staatlicher und unternehmerischer Seite den Zug, Wissen zu monopolisieren. Das zeigen zum Beispiel die ganzen Patentstreitigkeiten, die große Unternehmen derzeit beschäftigen. Auf der anderen Seite können wir von jedem Smartphone aus eigentlich jede Information erfragen. Es ist nicht klar, ob wir die Früchte dieser Möglichkeiten – mehr Informationen zu bekommen und Strukturen transparenter zu machen – ernten werden oder ob wir der Gegenbewegung – der Restriktion und den staatlichen Allmachtsphantasien – unterliegen. Auch der gegenwärtige Rechtsruck in Europa zeigt, dass es eine eisenharte Gegenbewegung gibt. Insgesamt glaube ich, dass die Auseinandersetzung um Geheimnis und Transparenz in den nächsten fünf Jahren in eine sehr kritische Phase treten wird.

Die Antworten stammen aus Interviews, die wir im April und Mai 2016 aufgezeichnet haben. Wir danken allen Beteiligten für Ihre Antworten. Und was denken Sie? Stirbt das Geheimnis in Ihrem Umfeld aus?

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