Frage der Woche: Wo finden wir Geheimnisse?

Tresore, Archive, Tagebücher. Die Orte, an denen Geheimnisse aufbewahrt, beschützt und im Verborgenen gehalten werden, sind so vielfältig wie die Geheimnisse selbst. Schon im Kindesalter suchen wir Orte für unsere Geheimnisse, verstecken Murmeln in Schatzkisten und uns selbst in geheimen Höhlen. Weitere Einblicke in die Vielfalt von geheimen Orten geben uns fünf Geheimnisexpertinnen und -experten:

„Es gibt keinen Ort, an dem in meinem Beruf keine Seelsorge stattfindet, sagt Rainer Maria Schießler. Der wohl bekannteste Pfarrer Münchens verdeutlicht damit, dass an jedem Ort – vom Wohnzimmer bis zum Beichtstuhl – Geheimnisse zu finden sind, geteilt und bewahrt werden. In seiner persönlichen Erfahrung erinnert sich Schießler gern an ein Erlebnis auf einem Bauernhof. Ein kleines Kind offenbarte ihm sein größtes Geheimnis: eine kleine Dose, versteckt hinter einem Brett in einer Scheune, gefüllt mit Schlumpffiguren. „Völlig wertlos und für das Kind doch der größte Schatz“, so Schießler. Der tatsächliche Wert lag „in der Interaktion, im Teilen des Geheimnisses.“

„In meinem Beruf wurden sie meistens in den Tresor gesperrt“, berichtet Petra Balzer, ehemalige Sekretärin, heute Autorin und Coach für Führungskräfte. Zeugnisse und andere Personalunterlagen, vertrauliche Informationen über Menschen und ihre Leistungsfähigkeit: All das fand sich in einem Tresor im Büro ihres Chefs. Einen Schlüssel zum Tresor hatte sie, benutzt hat Petra Balzer ihn nie. Auch aus Gründen des Selbstschutzes, um sich mit dem Wissen, das im Tresor aufbewahrt wurde, nicht unnötig zu belasten.
Neben diesem klassischen Ort für Geheimnisse, deren Sicherung durch ein Schloss gewährleistet wird, ist sich Petra Balzer sicher, dass wir die spannendsten Geheimnisse vor allem in uns selbst aufbewahren: völlig papierlos und meist unausgesprochen. Sie selbst ist der beste Beleg für diese These, da sie jahrelang unter Pseudonym und ohne Wissen ihres engsten Arbeitsumfeldes Bücher veröffentlicht hat.

Tresore spielen auch bei den Geheimnissen im Bundestag eine Rolle. Sie schützen als vertraulich oder geheim eingestufte Dokumente, stehen in den Büros der Abgeordneten und in der Geheimschutzstelle. Laut Konstantin von Notz ähnelt dieser Ort – ganz unspektakulär – einem kleinen Leseraum, in dem die Abgeordneten sich wie in einer Bibliothek zu Studienzeiten hinsetzen und Akten wälzen können, die den Raum nicht verlassen dürfen.

Ganz anders verhält es sich bei David Schraven: Der Investigativjournalist findet den Stoff für seine Reportagen zwar auch in offenen Datensätzen und vertraulichen Akten. „Die wichtigsten Geheimnisse, die es heute gibt, so Schraven, „werden aber gar nicht aufbewahrt, sondern sind die Sachen, die zwischen Menschen besprochen werden. Um an Geheimnisse zu kommen, braucht er daher vor allem Menschenkenntnis und einen langen Atem. Mann muss sich von „denen, die nichts wissen, über die, die ein bisschen was wissen, zu denen vorarbeiten, die wirklich etwas wissen“, so Schraven.

Der Historiker Frank Bösch findet Geheimnisse vor allem in Archiven. Historische Dokumente und Akten, die mit Zusätzen wie „Streng geheim oder „Verschlusssache“ markiert sind, „stoßen uns darauf, dass es sich um etwas Wichtiges handelt, so Bösch. Ein Garant für den Fundort eines Geheimnisses sind diese Siegel und Einstufungen aber nicht. Zukünftig werden Geheimnisse weniger in analogen Verschlusssachen sondern eher in riesigen Datenmengen zu suchen sein, ist sich Bösch sicher. Sie ausfindig zu machen – beispielsweise durch Volltextsuche – wird das Aktenwälzen in Archiven langfristig ersetzen.

Menschen, Tresore, Akten, Schatzkisten – wo bewahren Sie Ihre Geheimnisse auf? Wandern unsere Geheimnisse tatsächlich in den digitalen Raum? Oder nutzen wir dieselben Orte wie zu Großvaters Zeiten?

Die Antworten stammen aus Interviews, die wir im April und Mai 2016 aufgezeichnet haben. Wir danken allen Beteiligten für ihre Antworten. Welche Orte fallen Ihnen ein, die Geheimnisse beherbergen?

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