Schirmherrinnen

Sie möchten nicht alles wissen – die Schirmherrinnen der Ausstellung im Gespräch

Die IT-Expertin und Autorin Yvonne Hofstetter und die Bundesministerin der Justiz a.D. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger haben gemeinsam die Schirmherrschaft für unsere Ausstellung übernommen. Wir haben mit Ihnen über das Spannungsfeld zwischen Transparenz und Geheimnissen im Privaten gesprochen.

Was antworten Sie Menschen, die sagen, dass sie nichts zu verbergen haben?
Yvonne Hofstetter: Dass sie diesen Satz sofort aus ihrem Wortschatz streichen sollen. Wer diesen Satz sagt, versteht den Sinn von Überwachung nicht. Überwachung will nicht die Vergangenheit aufdecken, sondern beeinflussen, was Bürger in der Zukunft denken, äußern oder tun. Davon muss nichts ungesetzlich oder strafwürdig sein.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Ich frage sie direkt, ob sie also damit einverstanden sind, dass alles – auch was sie zuhause machen, im Bett, im Badezimmer und beim Ausfüllen der Steuererklärung mit vielen privaten Tank- und Restaurantbelegen – jedem bekannt sein darf? Dass sie also mit dem Öffnen des Fensters ihr Einverständnis erklären, dass der Staat und auch Unternehmen jedes Verhalten beobachten, erfassen, aufzeichnen und verwerten dürfen?

Zwischen Transparenz und Geheimhaltung – Wie sieht die „ideale“ Zukunft aus?
SLS: Ideal ist die Zukunft, wenn die Bürgerinnen und Bürger sich frei entfalten können, ohne gesellschaftlichen Druck und überzogene Erwartungshaltungen. Das geht nur mit Geheimnissen, mit Vertraulichkeit, mit besonderer Nähe und emotionaler Beziehung. Dazu braucht es die letzte private Zuflucht – my home is my castle – und den Schutz des Kernbereichs privater Lebensgestaltung.
YH: Geheimnisse, die Einzelpersonen (auch Unternehmen) gegenüber dem Staat haben, sind ein Grundpfeiler der Demokratie; nur Geheimnisse erlauben die Entwicklung einer pluralistischen Gesellschaft. Nur in einer nichtöffentlichen Umgebung kann sich ein Mensch frei entfalten. Das Geheimnis ist deshalb vorranging zu schützen.

Was bedeuten Geheimnisse für Sie persönlich?
YH: Ich möchte auf keinen Fall alles wissen, denn Wissen bedeutet Verantwortung und manchmal eine große Last. Man verliert das Paradies in dem Sinne, dass man die Leichtigkeit des Lebens verlieren kann. Wo Geheimnisse bestehen bleiben, wird auch eine (kindliche) Unbekümmertheit erhalten – in anderen Worten: die Freiheit.
SLS: Sich frei entfalten zu können und alles das zu verbergen, was mir als das Private und meine Persönlichkeit Kennzeichnende wichtig ist, bedeutet für mich Geheimnisse zu haben. Ich will nicht alles von allen wissen, ich will mich nicht damit belasten und ständig neugierig auf noch mehr Offenbarung sein. Ich will meinen Freunden, Bekannten und den Bürgern als eine Person gegenüber treten, die die Privatsphäre und die jeweiligen Geheimnisse der anderen als solche schätzt, respektiert und akzeptiert.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger am 27.05.15 in Berlin / Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
(Foto: Tobias Koch)

Yvonne Hofstetter Fotograf: Haimo Aga

Yvonne Hofstetter (Foto: Haimo Aga)

 

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